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Ein ereignisreiches Wochenende

am 22. September 1995

 

Erlebnisbericht über die Entdeckung des ersten Hohlraumes auf dem Dornsberg (Aachhöhle).

 

von Rudolf Martin

 

Am 22.09.1995, Freitagabend, war wie gewohnt wieder „Höhlentermin“. Normalerweise laufen diese Abende immer im gleichen Rhythmus ab. An zwei oder drei Abenden wird gegraben, an den nächsten 3 - 4 verbaut. Auf diese Weise kam bis anhin ein Schacht von ca. 20m Tiefe zustande. An diesem Tag wäre Verbauen angesagt gewesen. Ich aber hatte mir mehr vorgenommen.

Vor zwei Wochen tat sich nämlich den Ausgräbern ein ca. 5m tiefes Loch auf, das sich nach links und rechts als ca. 5 - 15 cm hoher Hohlraum unter einem Felsrücksprung fortsetzte. Dies genauer zu untersuchen war meine Absicht.

An diesem Abend wollten 8 bis 9 Leute kommen. Mein Plan war, dass ich bei so vielen Helfern abkömmlich wäre, um dann in diesem Loch meine „Probegrabungen“ durchführen zu können. Leider wurde aus diesem Plan nichts, denn um 19.00 Uhr war außer René und Niko niemand da. Zu dritt kann aber nicht verbaut werden. So musste ich gleich hinabsteigen, bevor noch jemand kam und wir mit dem geplanten Verbau anfangen würden. Niko fiel gleich auf, dass ich zusätzlich noch eine Taschenlampe mit hinunter nahm und mein Ölzeug anhatte. Wenn man länger in dem nassen und kalten Lehm liegt, wird das ohne wasserdichte Kleidung recht unangenehm. Im Schacht unten angekommen, ließ ich mich auch sogleich bis an die tiefste Stelle des neu entdeckten Loches hinabgleiten. Dass es auf der rechten Seite keinen Sinn hatte weiterzugraben, war mir gleich klar. Auch direkt in die Tiefe war wegen der Enge auch nicht sinnvoll, zumal andere auch schon herumgestochert hatten und dabei feststellen mussten, dass ohne größeren Grabungsaufwand kein Weiterkommen war. Also schaute ich mir die linke Seite genauer an und was da so vor mir lag, sah nicht schlecht aus. Unter dem Felsrücksprung war, so weit man sehen konnte, das war allerdings nur ca. 1m, ein ca. 5cm hoher Hohlraum. Durch den oberen Quergang, der im Januar 1995 freigelegt wurde, wussten wir, dass nach ca. 2m eine lehmfreie Versturzzone kam. Es war anzunehmen, dass diese sich auch vertikal fortsetzte.

Ich musste aber gleich feststellen, dass es alleine zu mühsam und zu zeitaufwendig wäre, diesen Hohlraum zu erweitern, um einen Blick hinter die Lehmkuppe zu werfen.

Mittlerweile waren auch Niko und René in den Schacht abgestiegen. Nach kurzer Erläuterung meines Vorhabens, begannen sie meine Tätigkeit zu unterstützen, allerdings ohne große Begeisterung, eher nach dem Motto: „Besser ein bisschen graben, als sinnlos herumzustehen“. René erweiterte mit einem Stemmeisen das Loch nach unten und Niko verfrachtete die Stein, -und Lehmpakete auf die rechte Seite. Auf diese Weise kamen wir recht zügig voran. Nach ca. 1,5m wurde es aber so eng, dass ich auf dem Bauch liegend, jeden einzelnen Stein aus dem zähen nassen Lehm mit den bloßen Händen herauskratzen musste. Mühselig wurde dann diese Fracht aus der engen Röhre, am eigenen Körper vorbei, nach hinten weitergereicht. Jetzt ein großer Stein, und wir hätten aufgeben müssen. Ich war schon so weit vorgedrungen, um zu erkennen, dass sich der Hohlraum erweiterte.

Da hörte ich hinter mir Stimmen. Harald Schetter war gekommen. Mir war sofort klar, dass ich hier und jetzt nicht mehr weitergraben konnte, denn es stand ja Verbauen des Schachtes auf dem Plan. Immerhin räumten sie mir noch ungefähr 10min ein. Gerade solange wie die Vorbereitungen zum „Verbauen“ dauerten. Das war nicht viel Zeit und vor mir noch ein ungefähr kopfgroßer Stein, der im Lehm verklebt war. Dieser Stein verhinderte den Durchblick, im wahrsten Sinne des Wortes.

Hastig kratzte ich so gut es ging den Lehm neben dem Stein weg, um wenigstens den Kopf durchstecken zu können. Aber es reichte nicht. Und schon wieder der Ruf von hinten: „Komm jetzt endlich, wir wollen anfangen“. Jetzt gab es für mir nur noch eins: Helm ab und versuchen den Kopf durch das Loch zu stecken, egal ob die Haare lehmverklebt werden oder nicht. Und ich schaffte es. Was ich aber da vor mir sah, war nicht viel. Durch die Anstrengungen erzeugte ich so einen Dampf, dass nur dichte Nebelschwaden zu sehen waren. Also hielt ich die Luft an, damit wenigstens mein Atem nicht die Sicht behinderte. Langsam wurden Konturen sichtbar. Vor mir eine, wie vermutet, lehmfreie Versturzzone, die, wenn man die Steine auf die Seite räumte, gut zu durchkriechen wäre. Trotz des Dunstes konnte ich dahinter einen größeren Raum erkennen, der sich im hinteren Teil leicht absenkte. Ich wusste, bevor ich nicht dort drin war, würde ich heute nicht heimgehen. Wer schon einmal auf Entdeckungstour war, weiß, was es von mir an Selbstdisziplin abverlangte, an dieser Stelle den Rückzug anzutreten.

Außer René war niemand mehr im Schacht. Sogleich schilderte ich ihm begeistert meine Entdeckung, aber seine Resonanz war für mich enttäuschend zurückhaltend - „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“. So ungefähr lautete seine Antwort und es blieb mir nichts anderes übrig, mich in Geduld zu üben und so fingen wir halt mit dem Verbauen an. Mittlerweile kam jetzt auch Norbert aus Freiburg, der uns unten im Schacht half. Das gab mir die Chance aufzusteigen und den beiden oberen, Harald und Niko, meine Entdeckung mitzuteilen. Auch hier herrschte gebremster Optimismus - „ach ja, das wird dasselbe sein, wie im oberen Quergang“. Den ganzen Abend saß ich wie auf Nadeln. Es war wie an Weihnachten, wo wir als Kinder in der Küche warten mussten, bis die Eltern im Wohnzimmer den Christbaum geschmückt hatten. Und es zog sich hin.

Meine Euphorie wurde langsam aber sicher durch die Müdigkeit und Kälte gedämpft. Auch bei den beiden oberen machte sich Müdigkeit breit, schließlich war Mitternacht schon längst vorbei. Aber dennoch wollte keiner heim; „vielleicht war es ja doch der lang ersehnte Durchbruch“. Endlich: 1.45 Uhr, das letzte Querholz wurde in den Verbau eingeschoben und ich war plötzlich wieder hellwach. René trank sein Feierabendbier und meinte lakonisch: „Dann kriech halt noch in dein Loch“. Die Worte waren kaum ausgesprochen, da lag ich schon wieder in dem Kriechgang und versuchte den letzten Stein mit klammen Fingern aus dem Lehm zu zerren. Endlich war der Weg frei. Die Öffnung war gerade so groß, dass sich ein mittelgroßer Mensch mit Mühe durchzwängen konnte. Langsam schob sich mein Körper vor, den Kopf schon in dem Versturzraum. Vorsichtig räumte ich die Steine auf die Seite, immer wieder mit dem Blick nach oben, denn die Decke bestand hier nicht aus massivem Fels, sondern war ein loses Gewirr von Steinen und Felsblöcken. Ich versuchte so wenig wie möglich zu berühren oder zu verändern. Eine falsche Bewegung, einen falschen Stein auf die Seite gerückt und das Ganze stürzte zusammen wie ein Kartenhaus. Weiter hinten wurde es glücklicherweise etwas geräumiger und ich konnte diese gefährliche Stelle rasch überwinden.

Im Schacht machte sich die erste Begeisterung breit. Norbert rief den anderen zu: „Er ist durch“.

Nachdem ich mich kurz umgeschaut hatte, stellte ich fest, der Raum war groß genug, dass alle 5 Leute darin Platz hätten und es auch relativ versturzsichere Bereiche gab. Norbert, René und Harald folgten mir nach.

Niko blieb aus Sicherheitsgründen zurück, aber nicht ohne einen neugierigen Blick durch das Schlupfloch zu werfen. Dem ersten Anschein nach, ging es hier nirgends weiter. Zwar gingen überall Spalten und Risse in die Tiefe, aber alle zu eng um durchschlüpfen zu können. Harald hakte die Höhle schon ab: „leider doch nicht der große Durchbruch“, und kroch zurück.

Dann entdeckte Rene ungefähr in der Mitte der ca. 6m langen Halle ein Loch in dem man ziemlich tief hinabsehen konnte. Ganz unten war eine etwa fuchslochgroße Öffnung wahrzunehmen. Leider wurde der Einstieg von einer Steinplatte versperrt. Wenn man diese Platte zertrümmern könnte, wäre der Abstieg geräumig genug, um bis an das „Fuchsloch“ vordringen zu können. Also kroch Norbert zurück, um einen Fäustel und ein Seil zu holen. Dabei bewegten sich zwei mächtige Felsen über Renés Kopf. Uns war klar, bevor diese beiden Felsbrocken nicht weggeräumt waren, wäre ein Durchschlüpfen zu gefährlich. Wir machten uns sogleich daran die kleineren Steine auf die Seite zu stapeln. Die beiden großen Brocken konnten wir nur mit Mühe in Bewegung setzen und warfen sie mit vereinten Kräften hinunter, wo sie neben dem Abstiegsloch zum liegen kamen. René zertrümmerte die Felsplatte bis das Loch groß genug war, um einen Durchstieg zu wagen.

Nun kam die Entscheidung, wer steigt als erster hinab. Wir einigten uns, dass René den ersten Versuch unternimmt. Nach kurzem Zögern, um das Risiko noch einmal abzuwägen, stieg er ein. Im ersten Moment sah es aus, als ob er in dem Loch stecken bleiben würde, aber dann schaffte er es doch noch, sich durch die enge Spalte zu quetschen. Zu sehen war jetzt nur noch sein Helmlicht, das sich rasch tiefer bewegte. Dafür drang ein beängstigendes Rumpeln und Poltern nach oben, das sich anhörte, wie wenn eine Elefantenherde durch einen Porzellanladen trampelt. Schließlich verschwand er völlig in dem Durchschlupf.

Sekunden der Stille und Anspannung bei uns oben; und dann ein Freudenschrei von unten: „Wir haben es geschafft, bringt den Sekt!“. Wir gaben diese Freudenbotschaft sofort in den Schacht weiter, was aber nicht nötig gewesen wäre, denn die hatten das Freudengeschrei schon selbst vernommen.

Jetzt war kein Halten mehr und das Höhlenfieber griff rasch auf alle über. Als nächster zwängte ich mich durch den Spalt, mit den Füßen nach einem sicheren Tritt tastend. Der weitere Abstieg bis zum „Fuchsloch“ brachte dann keine Probleme mehr, da sich dieser Abschnitt als geräumiger erwies, als es zuerst von oben aussah. Auch das sogenannte „Fuchsloch“ war wesentlich größer und leicht zu durchkriechen.

Da stand nun René etwas verloren in einer Halle, die so groß war, dass seine Stirnlampe sie nicht ausleuchten konnte. Wir beschlossen auf die anderen drei zu warten, um dann gemeinsam die Höhle zu erforschen. Bis sie abgestiegen waren, sahen wir uns die nähere Umgebung an. Eine ca. 30m lange Halle, 6m breit, 2,5m hoch, eine graue, topfebene Decke, ebenso der Boden, die linke Seite stark abfallend und zum Teil mit Felsversturz gefüllt. An der rechten Seite erhob sich vor dem Fels eine fast senkrechte Lehmwand. Da sie nicht direkt an den Fels anstand, wirkte sie wie ein riesiger Vorhang der den Höhlenraum begrenzte. Ein wunderbarer Kontrast zwischen der gelben Lehmwand und dem dunklen Felsgestein der Decke und des Bodens. Es war fast wie das Gefühl, auf einer Bühne zu stehen, wo sich jeden Moment der Vorhang öffnen musste. Links hinten schien es über eine Lehmhalde durch ein fast scheunentorgroße Öffnung weiterzugehen. Wir einigten uns, mit diesem Höhlenteil unsere Erforschung zu beginnen. Gegen jedes Sicherheitsgebot stiegen alle fünf nun ab. Wäre oben die Versturzzone eingebrochen, wären alle hier eingeschlossen gewesen und niemand hätte Hilfe holen können. Aber an so was dachte in diesem Moment keiner; zu groß war die Neugierde.

Leider mussten wir nach einem kurzen Abstieg feststellen, dass am Wandfuß der Fortgang verschüttet war. Nachdem wir den Rest der Höhle abgesucht hatten und keine offensichtliche Fortführung entdeckten, beschlossen wir, da es mittlerweile 4.00 Uhr morgens war, die weitere Entdeckungstour auf den nächsten Tag zu verschieben. Oben wieder angekommen köpften wir erst einmal die Sektflasche und feierten unseren ersten „Durchbruch“.

Für diesen Samstag war schon seit längerer Zeit das „Höhlenfest“ geplant, so entschlossen wir uns, erst am Sonntag um 10.00 Uhr morgens wieder einzufahren. Nach einer kurzen Nacht von 2 1/2 Std., innerlich immer noch aufgewühlt, gab es am Fest natürlich nur ein Thema. Schließlich entdeckt man nicht alle Tage eine neue Höhle. Leider waren nur wenige Leute anwesend, weshalb wir Mühe hatten, den Inhalt des Bierfässchens zu „vernichten“. Außerdem steckte allen noch die lange Nacht in den Knochen und so kam es, dass das Fest um 19.00 Uhr schon sein Ende fand.

Hochmotiviert trafen wir uns am Sonntagmorgen wieder an der Doline. Der eine oder andere hatte etwas Mühe mit der Zeitumstellung, die an diesem Wochenende durchgeführt wurde. So kam es, dass mancher schon um 9.00 Uhr ungeduldig wartete. Ausgerüstet mit Foto, Kompass und Kletterzeug ging es in die Tiefe. René hatte bei der Erstbefahrung eine recht große Spalte entdeckt, die uns Hoffnung auf eine Fortsetzung der Höhle machte. Nachdem wir die Höhle fotografiert hatten, gingen Harald und Niko daran, sie zu vermessen. René und ich versuchten einen Fortgang zu finden, was sich leider als negativ herausstellte. Außer ein bisschen Fledermauskot und ein Laubblatt rechts hinten in der Ecke, was aber insofern bemerkenswert ist, da man sich hier ungefähr fast 60m unter der Erdoberfläche befindet, war nichts zu entdecken.

Erst in den nächsten Wochen wird es sich vielleicht zeigen, wie es mit dem Projekt „Aachhöhle“ weitergeht. Auf jeden Fall wird das weitere Vordringen in das System der Aachhöhle wieder mit erheblicher Arbeit verbunden sein.

Auch wenn es noch nicht der ganz große „Durchbruch“ war, so war es doch ein tolles Gefühl, als erster Mensch in diesen Räumen gewesen zu sein. Ich hoffe, dass die Aachhöhle uns noch öfters solche positiven Überraschungen bereithält.

Rudolf Martin
Radolfzell, den 26.09.1995

 

Freunde der Aachhöhle e.V.
Höhlentauchgruppe Aachprojekt
Text: Rudolf M+ und Layout: Joachim K+
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Letzte Änderung: 10.10.2006.